Samstag, 13. Juni 2015

Anne Will und die "Homo-Ehe": Relativismus bis der Arzt kommt

Kommen wir zu unseren (fiktiven) Leserbriefen. Klein Heinz aus Untertüpflingen fragt:

Ist es möglich, dass einem das Hirn wegdiskutiert werden kann? 

Lieber Heinz: Ja, das ist möglich. Leg dir eine Aspirin bereit (frag dazu am besten deine Eltern) und sieh dir dazu das untere Video an (mit regelmäßigen Pausen von 5 Minuten oder mehr). Ich garantiere dir, am Ende der Sendung wirst du nicht mehr wissen, um was es überhaupt ging. Außerdem wirst du trotzdem überzeugt sein, dass es keine Probleme auf der Welt gibt (außer denen, die Anne Will deklariert) und du wirst für eine Dauer von 2 Stunden nicht mehr auf akkustische Verkehrssignale reagieren können. Also lass es heute besser mit dem auf der Straße Spielen.


Fassen wir es also kurz (wir wollen natürlich heute noch alle auf der Straße Tennis oder Fußball spielen) und wenden an diesem Video dazu die analytische Methode an. Zeitabschnitt für Zeitabschnitt würde im totalen Chaos enden. In der Anne Will-Sendung "Streitfall Homo-Ehe: bekommen wir bald irische Verhältnisse?" vom 11. Juni geht es primär um die Frage der Gleichstellung homosexueller Partnerschaften in Form der Ehe und in diesem Kontext um den dazugehörigen Verlauf in der Öffentlichkeit. Oder sollte zumindest gehen. Denn gerade im Hinblick auf das Ehe-Verständnis an sich und das politische und rechtliche Verständnis) tun sich Abgründe auf, die teilweise an einer rationalen und fairen Debatte zweifeln lassen.

Sortieren wir an dieser Stelle im Voraus aus:
Das wäre zunächst Yasmin Fahimi (SPD, der ich übrigens die Erkenntnis verdanke, dass meine Vorfahren großmütterlichseits aus Disneyland stammen) es dürfte nicht wundern, dass sie einerseits bei dem Wort Diskriminierung zunächst vorsichtig bleibt, um dann später zum Totalschlag auszuholen. Zur Relativierung des Ehebegriffs greift sie auf eine angebliche "doppelte Diskriminierung" zurück, da homosexuellen die Ehe verwehrt werde, heterosexuellen dagegen die eingetragenen Lebenspartnerschaft, die es dagegen in Frankreich gebe (21:48, 22:48). Wenn es nötig wäre, müsse man auch für eine weitere Entwicklung das Grundgesetz ändern (24:00. "wir haben doch andere Gesetze auch geändert", 25:06), außerdem haben "biologistische Argumentationen" (26:05, sic!) keine Platz in der Diskussion. Über eine Pflicht der Einführung einer "Homo-Ehe" soll man also diskutieren, über die bekannten ehelichen Pflichten dagegen nicht. An den letzten 15 Minuten ist es Anne Will im Gegensatz zur restlichen Diskussionszeit dagegen hoch anzurechnen, dass sie Frau Fahimi im Hinblick auf die Sache mit Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer, wo sie bei der medialen Hetze am meisten beteiligt war, aus der Verdeckung lockte (1:03:10). Im Übrigen lehnt sie die traditionelle Ehe ab, weil sie von einer "Mehrheit" (31:10) gemacht worden ist. Während sie dafür ist, dass die "Ehe für alle" eingeführt werde soll, weil die Mehrheit dafür ist. Interessantes Demokratieverständnis.

Bei Norbert Aicher handelt es sich um einen rechtlich gesehen dispensierten katholischen Priester, der mit einem ebenfalls dis katholischen Priester in einer "Ehe" zusammen lebt und als Priester Seelsorge betreibt. Woher weiß man dass sie in einer Ehe zusammenleben? Weil er das sagen, sein Partner und einige andere Leute, die nicht näher genannt werden. Woher weiß er, dass er noch als Priester tätig sein darf? Weil er persönlich davon überzeugt ist und die kirchlichen Oberen, die das nicht so sehen, alles keine echten Christen und vor allem keine Katholiken sind (34:10). Obwohl er ja von ihnen dieses Amt zufällig empfangen hat. Wie es um seinen Glauben an Gott und die Sakramente steht, zu die er verpflichtet wäre zu spenden, weiß man nur, dass er "Dogma, Wissen und Missionierung" ablehnt, obwohl das zu den Pflichten eines Priesters gehört, vor allem, wenn er sich als katholisch bezeichnet. "Ganz bezogen auf andere sein" reicht nicht aus, da sollte man schon eher Psychologe sein. Oder Entertainer.
So wirr wie auch sein Amtsverständnis ist, steht es auch um seine Auffassung von Gleichheit. "Gleichheit vor dem Gesetz" bedeutet für den "Fan vom Grundgesetz" (16:32) nicht etwa das individuell-persönliche Recht, wie es Thomas Goppel klar darlegt, sondern eine Anerkennung von dem, was eine Person macht, als gut empfunden werden soll, weil es "Teil der Realität" ist, also weil sie es macht und sie es so haben will, weil sie es so sieht. Die Definition, was Ehe eigentlich sein soll, spielt keinerlei Rolle(15:39) in der Debatte, was bei der Pro-Seite der ständige Tenor der Diskussion ist und von dem man nicht weichen will. Wer Kritik gegen eine Anerkennung dieser der Homo-Ehe und der Adoption durch gleichgeschlechtliche Partner äußert, betreibt seiner Auffassung nach offen Diskriminierung, die die Ängste von Menschen vor dem Fremden stärken. Seiner Meinung handelt es sich bei den Äußerungen Kramp-Karrenbauers um einen Missbrauch des politischen Amtes (1:13:57) das für andere Menschen da sein sollte, weiter wird diese diffuse Erklärung nicht ausgeführt) und man sollte außerdem solche Haltungen schon "im Keim ersticken". Die damalige Verfolgung Homosexueller mache es zu politischen Pflicht, die "Homo-Ehe" zu legalisieren (17:29).
In welchem Zusammenhang beides steht, ist undiskutabel. Bei dieser Argumentation ahndelt es sich eigentlich um eine Steigerung der Argumentation Fahimis, wenn auch emotional diffuser und auf dem typische LGBT-Niveau auf leichter Aggressivität und der angemaßten Forderung, die "Menschenrechte" im Gesamten zu vertreten, wenn man sich für eine solche Öffnung der Ehe einsetze. Habe ich alles schon bei anderen Vertretern dieser Gruppe erlebt, daher überrascht es mich nicht wirklich.

Thomas Goppel (CDU) und Frauke Petry (AfD) kann man an dieser Stelle ganz zurecht als die Vernunftstimmen der Diskussion bezeichnen. Es wird zwar immer betont, dass man zur Öffnung der Ehe erst das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes abwarten müsse und eine Volksabstimmung ebenfalls richtig sei (u.a. 30:45). Was sie jedoch nicht daran hindert, ganz offen ihre Meinung und die ihrer Parteien zu äußern, wofür sie auch vermehrt negative Reaktionen aus dem Publikum (man achte auf die ungewöhnlich vielen "No Homophobia!-Shirts) ernten.
Das fängt schon damit an, dass Goppel de Beschluss Irlands als "Tageslaune" (5.18) bezeichnet, die jetzt ebenfalls als Tageslaune auf Deutschland überschwappt. Wichtig bei dieser Diskussion sind, dass es Unterschiede gibt (die von Will, Aicher und Fahimi pauschal als "Diskriminierung" (11:06) und "Benachteiligung" (9:26) bezeichnet werden), die aber nicht so schlimm sind, wie es oft dargestellt wird (10:35). Weiter geht es dann mit Frauke Petry, die auf die Wichtigkeit einer Definition hinweist (12:29), die von den Befürwortern permanent ignoriert und für unwichtig erklärt wird. Hier schwappt es wie schon oben erwähnt zu dem Vergleich über, dass man die "Homo-Ehe" gleichstellen müsse, weil Gleichheit im ersten Artikel des Grundgesetzes gefordert werde (16:23) und Frau Fahimi weiter fordert, dass man damit anerkenne, dass Homosexualität nicht abnormales sei (21:04), worauf Goppel ebenfalls sehr treffend darauf hinweist, dass hier die Anliegen des Grundgesetzes völlig falsch interpretiert werden, wenn man "Gleichstellung mit Gleichheit verwechsle" (17:38), was die Kritiker natürlich zutiefst sträubt, die darin eine Aberkennung der Menschen- und Bürgerrechte (27:04) erkennen wollen - in welchem Sinne außer mit dem nichtssagenden Argument "Gesetz soll das sein, wie wir leben wollen" (25:39) wird leider nicht aufgeführt. Mit der Erklärung, dass einem Straftäter völlige Gleichheit vor dem Gesetz trotz seiner Taten zukomme und eben das die individuelle Gleichheit des Menschen vor dem Gesetz ausdrücke (die übrigens auch Ungeborenen zukomme), ist an dieser Stelle einigen wirklich viel zu hoch. Individuelle Gleichheit ja, Gleichmacherei nein meint auch die Vertreterin der AfD, die darauf hinweist, dass eben ohne solch eine Unterscheidung keine speziellen Förderprogramme wie Frauenparkplätze oder Minderheitenschutz möglich seien (30:05).
Des weiteren verweist sie auf die biologische und gesellschaftliche Aufgabe der "Generationensicherung", die in der Ehe zwischen Mann und Frau gewährleistet wird (15:00). Der Verweis, dass eine zweiter Vater vom Kind als "Fremder" (1:11:45) empfunden werde, bringt Aicher natürlich wieder mal zur Weißglut. Etwas weniger emotional, wenn auch rhetorisch aggressiv reagiert dagegen Anne Will beim Thema Sexualerziehung (46:00) bei der sie Petry ganz offen unterstellt, Homosexualität als "Belästigung" in der Schule zu bezeichnen (51:05), was natürlich völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Auf den weiteren Vorwurf, es gäbe eben nur zwei Geschlechter und nicht 60 über Facebook, wird ebenso wenig eingegangen wie auf den Verweis, dass es sich bei der vorliegenden Gender-Mainstream-Idee um ein Konstrukt handelt, das gearde für Grundschüler völlig ungeeignet wäre. Einziges Argument kommt wieder mal vom völlig perplexen Aischer, nach dessen Meinung Geschlechtlichkeit eben nicht "dogmatisch" sei (53:55). Warum dann nur Mann und Frau zusammen ein Kind machen können bleibt an der Stelle (wie so oft) offen.

Man geht letztendlich mit dem altbewährten Spruch auseinander, dass es noch viel zu diskutieren gäbe und man was gegen Angst tun solle. Das wäre dann die Stelle, wo das Hirn vom Offline- in den Demenz-Zustand schaltet und man nicht mehr weiß, um was es überhaupt ging.

Geht man allerdings diese Argumente noch einmal durch (ganz ohne die übliche relativistische Zerfaserung) dürfte klar sein, dass den meisten Befürwortern (wenigstens in diesem Diskussionskreis) das deutsche Demokratie- und Rechtsverständnis völlig abhanden gekommen ist und durch ein subjektiv-willkürliches Konstrukt ersetzt wurde, das mit der Realität nichts mehr gemein hat. Wann auch in dieser Weise über Euthanasie diskutiert wird, dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Es dürfte klar sein, dass es wahrscheinlich in der selben oberflächlichen Atmosphäre geschehen wird, in der rationale und berechtigte Bedenken einfach niedergepöbelt werden, sollte vorher nicht zufällig ein Missbrauch in diesem Bereich geschehen.


Kommentare:

  1. das Schlimme ist, dass in der ganzen Diskussion so getan wird, als gäbe es keine Biologie, also als machten die Bauern aller Zeiten einen Fehler, wenn sie nicht 2 Hähne nehmen um Eier zu kriegen!
    Solche Ideen können nur in einer Welt entstehen wo man davon ausgeht, die Milch wird in der Fabrik hergestellt!

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    1. "Bei uns kommt die Milch nicht aus der Kuh, sondern aus dem Supermarkt!"- "Bei uns kommen die Kinder nicht aus der Mutter, sondern vom Laborversand!" Ich gehe in der Hinsicht auch schon vom Schlimmsten aus. :-I

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