Freitag, 10. Juli 2015

Mathematik macht keine Fehler. Sondern ihre falsche Anwendung.



"Waffen töten keine Menschen. Menschen mit Waffen töten Menschen."

Dieser Spruch dürfte sicher bekannt sein. Ist aber nicht nur auf Waffen und auf das physische Töten begrenzt, wie Jobo72 in einem Artikel zeigt. Dort geht es darum, wie die immer noch für viele berühmt-berüchtigte Zahl von angeblich 9 Millionen Opfern des Hexenwahns entstanden ist. Nämlich im späten 18. Jahrhundert und in einer unglaublich naiven Berechnung im Namen einer angeblichen "Aufklärung". Natürlich in Stoßrichtung Kirche, gegen wen auch sonst (vom Adel ist man damals ja finanziell unterstützt worden, den durfte man nicht verärgern).


[...] Weiter im Text: “Nach diesem Verhältniß würden nun in jedem Jahrhunderte allher in Quedlinburg ungefähr 133 Personen als Hexen verbrannt worden sein.” Also, Voigt rechnet proportional hoch auf ein Jahrhundert. 40 – warum auch immer 40, egal – in 30 Jahren, das macht dann in 100 Jahren: 133. Voilà. Das ist etwa so, als ob ich sagte: Es gibt in jedem Jahr in Deutschland 10.000 neue Fälle von Internetspielsucht. Also gab es seit der Reichsgründung vor 144 Jahren insgesamt 1,44 Millionen Fälle von Internetspielsucht. Logisch, oder?

“Seit der Zeit also, da Quedlinburg einen eigenen Staat ausgemacht hat, sind allhier in einem Zeitraum von 650 Jahren wenigstens 866 Menschen um der Hexerei willen zum Scheiterhaufen geführet worden.” Voigt rechnet also 650 Jahre zurück, bis ins Hochmittelalter hinein, indem es – heute wissen wir es – so gut wie keine Hexenverfolgung gab; die begann erst im Spätmittelalter. Er nimmt die 133 und multipliziert sie mit 6,5 für die 650 Jahre Staatsgeschichte Quedlinburgs. So kommt er – nach Adam Riese völlig korrekt – auf 866 verbrannte Hexen in Quedlinburg.
[...]

"Nach Adam Riese" (und einer selbstgebastelten Logik) korrekt, aber nach historischen Kriterien reinster Humbug. Und es wird von Rechenschritt zu Rechenschritt immer absurder. Was vielen, die diese Zahl ohne Bedenken und ohne Gegenargumente zitieren, nicht einmal wissen.


[...] Im Ernst: Auf diesem Schwachsinn fußt die antiklerikale Propaganda des ach-so-aufgeklärten 20. Jahrhunderts, nicht nur die der Nazis, sondern auch die des Neopaganismus und des Feminismus. Bis in unsere Tage hinein.

So findet sich im Focus noch 2002 die Opferschätzung “von 100.000 bis zu mehreren Millionen”, während der Spiegel ein Jahr zuvor eine “500 Jahre andauernde Hexenverbrennung” phantasierte, deren Ursache der “perverse Ungeist der Inquisition” gewesen sei und die – wiederum ein Jahr zuvor im Spiegel nachzulesen – “über eine Million” Opfer gezeitigt habe, diesmal wegen der “Frauenfeindlichkeit der Kirche” (gemeint ist die katholische, welche auch sonst).
[...]


Hut ab, Herr Bordat! Das ist wirklich die unsinnigste Rechenleistung seit dem Argument "Je mehr Käse, desto weniger Käse"*, die mir je unter die Augen kam!




*"Je mehr Käse, desto weniger Käse" wird folgend errechnet:
Axiom 1: Je mehr Käse, desto mehr Löcher im Käse.
Axiom 2: Aber: Je mehr Löcher, desto weniger Käse.
Conclusio: Je mehr Käse, desto weniger Käse. Ist doch vollkommen logisch?


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