Freitag, 3. Juli 2015

Sed Contra 2: Ist das Böse wirklich so "böse"?



[...] Diesem dunklen Kapitel der Geschichte stellte der Papst jedoch die erstaunlich große Zahl der Heiligen entgegen, die zur selben Zeit in Turin und Piemont wirkte. Das Auftreten der Heiligen brachte Franziskus in direkten Zusammenhang mit der massiven Präsenz der Freimaurerei, des Antiklerikalismus und des Satanismus. Das gehäufte Auftreten der Heiligen sei die Antwort darauf gewesen. „Wenn Ihr eine schöne Hausaufgabe machen wollt, dann sucht, wie viele Heilige in dieser Zeit geboren wurden! Warum? Weil sie erkannten, daß sie gegen den Strom jener Kultur, jener Lebensweise schwimmen mußten. […] Denkt an die Heiligen dieses Landes und was sie getan haben!“ [...]
Quelle


Argumentum: Eigentlich ist ja das "Böse" nicht wirklich so "böse" wie man immer sagt. Anders als beispielsweise Michael Schmidt-Salomon behauptet, es gäbe keine objektive Moral, um anschließend über gegensätzliche Ansichten herumzu- moralisieren, ist die Tatsache des "Bösen" als schlechte Erfahrung immer noch präsent, aber in eher abgeschwächter Form, da diese wie bei obigem Papst-Zitat auch als Sprungbrett zur Heiligkeit dienen kann. So dienten beispielsweise Kriege zur weiteren Durchsetzung von Frieden, Diktaturen zur Stärkung der Demokratien. Zugegeben, es gibt viel Leid und Tod, aber zum Preis eines dauerhaften Friedens in den Köpfen der Menschheit, weil sie von der ansonsten "verbotenen Frucht" des Bösen gekostet und sie für zu bitter empfunden haben.


Sed Contra 1: Wenn man sagt, das "Böse" (lassen wir mal die Anführungszeichen im augusteischen Sinne der Begrifflichkeit stehen) sei nicht wirklich "böse", bewegt man sich außerhalb dieser Begrifflichkeit und erschafft eine Art Zwischenzustand. Man könnte beispielsweise auch sagen "Dieses Wasser ist irgendwie nicht wässrig", wobei es sich demonstrativ auf "dieses Wasser" bezieht, das einen Unterschied zu den eigentlichen Eigenschaften des Wassers allgemein aufweist. Sicher, es gibt auch andere Arten von Wasser, die sich untereinander unterscheiden. Dennoch werden auch diese mit Begrifflichkeiten versehen, um anzuzeigen, dass sie sich gravierend unterscheiden und auch in welcher Hinsicht. Wie beispielsweise das chemisch veränderte "Schwere Wasser"
Es muss also eine Begrifflichkeit geben, die das "Böse" kennzeichnet. Wenn man dagegen sagt, "das Böse ist nicht wirklich böse" führt man diese Aussage ad absurdum, da man nicht nur der Sache, sondern auch der Eigenschaft, die sich auf diese Sache beruft, die Eigenschaft abspricht.

Sed Contra 2: Es stimmt, dass das Böse auch als Sprungbrett für das Gute dienen kann. Aber nur im kontrastiven Sinne. In seiner Wirkung verändert sich das Böse nicht, ebenso wie das Gute. Man kann die Erfahrung machen, dass Hass schlecht ist, um sich für Liebe und Toleranz des anderen einzusetzen. Dass ändert jedoch nichts an der Sache, dass der Hass an sich schlecht ist, während Liebe an sich gut ist. Dass man merkt, dass Liebe gut ist, merkt man eigentlich auch ohne die direkte Erfahrung von Hass, der eher als negative Gegenerfahrung herhalten kann, die sich durch ihre Verkehrtheit letztendlich selbst in Frage stellt. Ob man dann auch weit genug geht, um es zu merken, ist die andere Frage. Es ändert nichts daran, dass Hass für die Erfahrung von Liebe nicht zwingend nötig wäre.

Die Aussagen, dass Kriege dazu dienen können, Frieden nachhaltig durchzusetzen, ist vollkommen irreführend. Kriege können dazu dienen, Frieden zu sichern, indem man einen angreifende Partei unschädlich macht und so den Frieden bewahrt. Anders ist jedoch die Aussage dass Kriege (hier wohl im Sinne der Erfahrung) den Frieden "geistig" sichern. Es stimmt, dass man durch die Erfahrung von Krieg und Leid sich von Hass, Nationalismus und materialistischem Opportunismus ("mein Sieg, meine Richtigkeit") distanziert. Frieden ist jedoch nur dann möglich, wenn schon vorher die Grundlagen dafür gelegt worden sind, ansonsten handelt es sich um eine Fortführung in Form eines faulen, opportunistischen Friedens, der nur darauf bedacht ist, dass einem selbst nichts zustößt, während der Frieden eher die allgemeine Lebensgrundlage sein sollte. 
Auch vor den angeblichen "Kriegen, die alle Kriege beenden" sollten gab es Friedensbewegungen und Bemühungen zur Völkerverständigung, die nach wirklich erfolgreichem Wachstum dann von den Kriegszuständen weggefegt wurden und man später so tat, als hätte es bloß auf Seiten der Gewinner Bemühungen zum Frieden gegeben. Auch dass solche Kriege zum Frieden im Sinne einer geschichts-metaphysischen Entwicklung führen müssen, ist nicht zwingend, wie man sich beim Versailler Vertrag gedacht hat, als man den Gegner durch immer mehr Demütigung und schlechte Erfahrung in die Knie zwingen wollte im Sinne einer behavioristischen Pseudo-Erziehung. 
Auch im Rahmen der Diktatur ist das zu nennen. Wenn man immer mit dem Hintergedanken "nicht wieder in die Diktatur zurückfallen!" lebt (Aussagen wie diese werden von deutschen Politikern regelmäßig verlautbart), dann kann das in den schlimmsten Fällen zu geistigen Hemmungen führen, in denen alles, was nur "den Anschein macht", ausgeblendet, bzw. diskreditiert wird, ohne sich damit näher auseinanderzusetzen - mit fatalen Folgen. Beispiel dafür gibt es ebenfalls genügend.

Sed Contra 3: Abgesehen davon, dass das Papstzitat vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen worden ist, wird hier ausgeblendet, dass es sich hier um die "Erscheinungsform" des Guten handelt, die durch die Konfrontation mit dem Bösen immer mehr an SICHTBARE Kontur gewonnen hat. Es ist wirklich wünschenswert, dass solche offen sichtbaren Boten Gottes auftreten, doch ist es nicht das Böse, das sie dazu gebracht hat, sondern das Gute und die Tugenden, die sie von Gott erbeten und erhalten haben und die sich meist im Verborgenen entwickelten. 


Respondeo: Wie schon erwähnt, ist die Aussage, das "Böse" sei eigentlich nicht wirklich "böse" irreführend. Es stimmt einerseits, dass das Böse als eine Art Sprungbrett für das Gute dienen kann, jedoch nur im extremsten Sinne, um das Schlechte innerhalb des Bösen einzusehen. Da das Gute aus sich selbst heraus existieren kann, das Böse aber nur eine Perversion davon ist, ist der Sachverhalt an sich selbst schon widerlegt. Dass nach Vollzug einer bösen Tat auch etwas Gutes hervorgehen kann (vgl. dazu auch "Faust" v. Goethe: "Ich bin ein Teil von jener Kraft/ die Böses will und Gutes schafft") leugnet nicht die Tatsache, dass unabhängig von dem Guten als individuelle Erscheinung ein Schaden entstanden ist, der sich auf das Böse bezieht. Außerdem hätte es vielleicht ohne das Böse ganz anders verlaufen können, wenn man beispielsweise im progressiven Sinne bedenkt, wie viele Entwicklungen gerade durch Notstände, Enteignungen und Diebstahl verhindert worden sind. 

Trotzdem zu behaupten, dass das Böse trotz seiner Wesenseigenschaften eigentlich nichts negatives, sondern sogar erwünschenswertes sei, ist eine der schlimmsten (absichtlich?) unreflektierten Relativismen, die es derzeit gibt und die über kurzen oder langen Zeitraum katastrophale Auswirkungen haben kann - auch wenn es nur auf EIN Individuum beschränkt ist. 


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