Samstag, 27. Februar 2016

Zwei Arten des Lernens - und das Goldene Kalb



Die Jüdische Allgemeine hat in ihrer Online-Ausgabe einen hervorragenden Artikel zu Rabbi Ahron Soloveichiks Lehr-Problematik bei der Glaubens-Katechese veröffentlicht. Bei genauerer Betrachtung merkt man jedoch sehr schnell, dass man diese Kritik und die Verbesserungsvorschläge auch leicht auf das reguläre Schulsystem in Deutschland übertragen könnte.


[...] Die erste Art der Wissensaneignung zeichnet sich dadurch aus, dass der Schüler von seinem Lehrer und dessen umfangreichen Kenntnissen sehr bewegt und berührt und deshalb bereit ist, das ihm Beigebrachte schnell und oft kritiklos anzunehmen. Doch so schnell, wie das Wissen zu ihm kam, so schnell verlässt es ihn auch wieder. Und je weiter der Zeitpunkt, da er sich das Wissen angeeignet hat, zurückliegt, desto weniger erinnert er sich an das Gelernte.

Da das Studium der zweiten Art hingegen langsam verläuft, prüft der Schüler das ihm präsentierte Wissen, macht sich seine eigenen Gedanken darüber und nimmt es erst an, nachdem er es verstanden hat. So eignet er sich sein Wissen zwar langsamer an, kann sich aber viel länger an das Gelernte erinnern. Denn dadurch, dass er alles, was er lernt, auch verarbeitet, hat er das Wissen zu einem Teil seiner selbst gemacht und wird es besser in Erinnerung behalten.

Raw Aaron Soloveitchik weist nun darauf hin, dass das Volk Israel sich sein Wissen um die Existenz G’ttes auf die erste der beschriebenen Arten angeeignet hat. Es war beeindruckt und überwältigt, bewegt und berührt von der Offenbarung G’ttes, vor allem bei der Spaltung des Schilfmeers und am Berg Sinai. Es war schnell bereit, alles, was G’tt sagte, sofort und ohne Kritik anzunehmen: »Na’ase wenischma« – »Wir wollen es tun und gehorchen« (2. Buch Mose 24,7). Mosche kam und überbrachte dem Volk alle Worte G’ttes und alle Gesetze. Und das Volk reagierte einstimmig und sagte: »Alles, was G’tt gesagt hat, werden wir tun« (24,3).


Doch genauso schnell, wie das Volk bereit war, alles anzunehmen, legte es alles auch wieder ab. Es vergaß G’tt, betete ein Stück Metall an und sagte zu ihm: »Dies ist dein G’tt, Israel« (32,4 ). Die Überzeugung kam zu schnell – und ging deshalb auch sehr schnell wieder.[... ]


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen