Samstag, 5. März 2016

Skandinavische Aussichten. Oder: Grün-rote Sonnenbrillen...



... sind eigentlich eher aus dem 3D-Bereich bekannt, wo man dem Auge durch das Verschieben zweier paralleler Linien verschiedener Farben eine Räumlichkeit vortäuscht.

Das Prinzip ist ebenfalls in der Politik anwendbar. Man verschiebt ganz leicht den Fokus von der Sache, um der es gerade geht und fügt noch eine weitere Komponente ein, um dem ganzen den Anschein einer Wahrheit zu geben. Bei der "Demo für Alle" am letzten Sonntag konnte man sehen, dass es mit Bildern nicht so doll klappt.

Besser geht das schon mit dem Thema Bildung und Gesamtschule - bei dem man der noch immer PISA-geschockten Bundesrepublik so einigen Stuss erzählen kann. Zum Beispiel, dass nur ein scheinbar unfehlbares liberales System "wie in Finnland" die Lage retten könne. Was eher das Gegenteil von dem darstellt, was man bei uns gerne seit über zehn Jahren einführen will.



[...] Das Schulsystem war bis in die 90er Jahre staatlich straff organisiert und zentralisiert. Die übliche Lehrmethode bestand in lehrerzentriertem und leistungsorientiertem Unterricht. Eine Vergleichsstudie von 1991 zeigte die Effektivität dieser Lehrmethode, da die finnischen Schüler bei der Lesekompetenz die Schüler aller anderen europäischen Länder übertrafen. Diese Erfolge wiederholten sie neun Jahre später beim ersten PISA-Test 2000 – offenbar als Nachwirkung des alten pädagogischen Systems.

In den 90er Jahren aber wurden Reformen eingeleitet wie die Einrichtung der autonomen Schule mit großer Entscheidungsfreiheit bei der Lehrereinstellung. Außerdem muss die selbstverwaltete Schule mit anderen Schulen um Schüler konkurrieren. Dadurch vergrößert sich die Spreizung von guten und schlechten Schulen – mit sozialen Segregationsfolgen. Es entsteht eine Dynamik der Niveau-Senkung, da Schulen mit der Vergabe von durchgehend guten Noten werben.

Hinzu kam die Einleitung von neuen Lehr- und Lernmethoden – etwa die Betonung von selbstkontrolliertem und gruppenbezogenem Lernen. Diese beiden Schulreformmaßnahmen wirkten sich auf den PISA-Test von 2000 noch nicht negativ aus. Bildungsforscher setzen für die Auswirkungen von Schulveränderungen bis zu 15 Jahre an. Somit könnte der Leistungsabfall der finnischen Schüler 2012 auf das Durchschlagen der schulisch-pädagogischen Reform-Neuerungen zurückzuführen sein.




Es war demnach ein Trugbild, dem die rot-grünen Bildungspolitiker mit ihrer Interpretation der finnischen PISA-Ergebnisse aufgesessen sind.

- Mitnichten war die Gesamtschule entscheidend für den finnischen Erfolg bei der ersten PISA-Studie 2000, denn diese Schulbedingung bestand auch bei den schlechteren Ergebnissen von 2012. Zudem hatte Finnland ab 2007 das System des ‚langen gemeinsamen Lernens’ schon leicht korrigiert, indem seither besonders schwache bzw. verhaltensgestörte Schüler in Sonderklassen ausgelagert werden.
- Das Modell der selbständigen und konkurrierenden Schulen hat eher einen negativen Einfluss auf das Gesamtleistungsniveau der Schüler. Das musste Schweden bitter erfahren: Seit es die autonome Gesamtschule nach finnischem Vorbild übernommen hat, ist es auf einen Platz unter dem OECD-Durchschnitt zurückgefallen.
- Erst recht nicht führt das selbständige Individual- und Gruppenlernen unter Degradierung des Lehrers zum „Lernbegleiter“ zu guten Lernergebnissen. Erfahrungen und Studien zeigen deutlich auf, dass bei dieser Lern- und Lehrmethode das Leistungsniveau sinkt.
[...]

[...] Bedenklich stimmt, so schreibt die FAZ, dass Kritik an der neuen Schulform vielerorts nicht geduldet wird. Die Zeitung weiß von disziplinarrechtlichen Drohungen zu berichten. Auf die Dauer werden die Schulbehörden die Tatsachen aber nicht unterdrücken können. Denn viele Indikatoren sprechen dafür, dass das Experiment der Gemeinschaftsschule ineffektiv ist gemessen am Einsatz von Personal, Sachmittel und Nervenverschleiß. Gegenüber dem Hochglanz-Versprechen von besserer Förderung von Schülern – insbesondere der schwächeren – dürfte eher das Gegenteil richtig sein. Jedenfalls zeichnet sich eine Leistungsniveau-Senkung ab. Auch das Etikett gemeinsames Lernen in der Gemeinschaftsschuleerweist sich als irreführend, wenn die Klassengemeinschaft zugunsten des hauptsächlich vereinzelten Individuallernens aufgelöst wird. [...]


In diesem Sinne ebenfalls befremdlich wirkt auch die Fixierung auf eine sogenannte "Pädagogik der Vielfalt", die sich im primären Sinne auf eine längst überholte Theorie orientiert (die Miteinbeziehung Behinderter und Kinder von Einwanderern in diese "Vielfalt" kam erst relativ spät und halbherzig nach den ersten zwei "Demos für Alle" hinzu). 
Was bei uns noch als interessante linguistische Spielerei behandelt wird, wurde schon längst in Norwegen als ganz realer Irrsinn entlarvt - ausgerechnet von einem bekannten Komiker


Ob es bei ihm ebenfalls zu "Zwischenfällen" mit "Toleranten" gekommen ist, ist mir derzeit jedoch nicht bekannt. In Deutschland wäre das wahrscheinlich das nächste, was passiert wäre. Was man dann wahrscheinlich öffentlich als Provokation von seiner Seite und damit als nicht wirklich ernstahften Strafbestand gewertet hätte. Oder einfach "Bedauern" zu einer Sache äußert, um zu zeigen, dass nicht darüber sprechen will.


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