Samstag, 4. Juni 2016

Paul Badde: Das Grabtuch Christi wirkt bis in die Liturgie


Paul Badde zu den Herrenreliquien in Turin und Manoppello, deren Alter sowie Einfluss auf die Liturgie.

[...] Bei seinen Forschungen zur Apokalypse des Johannes hat der Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger eine Aufsehen erregende Entdeckung gemacht. Bei Amalar (775 – 850), dem karolingischen Chef-Liturgiker, Bischof von Metz und Erzbischof von Trier, der 844 von Papst Sergius II. zum Kardinal erhoben wurde und als Wegbereiter einer einheitlichen lateinischen Liturgie nach römischen Ritus gilt, hat er gefunden, dass die liturgisch vorgeschriebenen Altartücher von Anfang an als direkte Entsprechung zu den Tüchern galten, die in den Evangelien im Zusammenhang mit der Passion und Auferstehung Jesu Christi erwähnt werden: Sie heißen in den lateinischen liturgischen Texten sindon (Leichentuch) oder sudarium (Schweißtuch). 

Insbesondere das Einwickeln des Kelches in das Tuch durch den Diakon (in einem Seitenzweig der westlichen Liturgie) steht für das Einwickeln Jesu in seine Grabtücher. Wörtlich: Diaconus … involvit cum sudario calicem, quoniam Ioseph involvit in sindone munda. corporale…ipsum linteum quo totum corpus domini tegebatur in sepulchro. (Der Diakon umhüllt mit dem Schweißtuch den Kelch. Denn Josef von Arimathia wickelte Jesus in ein reines Leinentuch.)

Und dies alles wohlgemerkt schon in karolingischer Zeit, also weit über vier Jahrhunderte, bevor in Europa das Sanctissimum Sudarium von Sankt Peter in Rom erstmals im Jahr 1208 unter Papst Innozenz III. in die Öffentlichkeit getragen und bevor im Jahr 1355 die Santa Sindone in Lirey in der Champagne überhaupt erstmals auftauchte und verehrt wurde! Von hier her wird auch verständlich, dass die Altartücher bis zur Liturgiereform von 1969 in Entsprechung zum Grabtuch aus "reinem Leinen" sein mussten, und dass das so genannte Corporale immer besonders gefaltet sein musste, in Entsprechung zum Sudarium, von dem es bei Johannes heißt, dass es nach der Auferstehung Christi "gefaltet und abseits der anderen Tücher" im leeren Grab von Petrus und Johannes aufgefunden wurde. Es ist jenes gestärkte Tüchlein, das vom Priester im alten Ritus jeweils nur noch ehrfurchtsvoll mit Daumen und Zeigefinger angefasst werden durfte, nachdem es auf dem Altar mit den konsekrierten Gestalten von Brot und Wein in Berührung gekommen war.
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