Dienstag, 16. August 2016

Stimmt, das Teil habe ich schon einmal irgendwo gesehen...


... genauer gesagt in einer Buchhandlung, die zu einem Karmelitenkloster gehörte. Auf die Anfrage an einen Pater, ob das nicht Esoterik sei, hieß es, dass es lediglich zur Meditation diene. Neben einem Büchlein als Anleitung wurde auch ein Brettchen mit dem Enneagramm darauf angeboten.

Jetzt, wo ich gerade zufällig einen Artikel auf katholisches.info zu dem Thema gefunden habe, muss ich wohl oder übel kurz Pause vom Urlaub machen.

[...] Zwei römische Dikasterien, der Päpstliche Kulturrat und der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog haben mit dem gemeinsamen Dokument: Jesus Christus, der Spender lebendigen Wassers. Überlegungen zu New Age aus christlicher Sicht, vom 3. Februar 2003 die auch den verschiedenen Enneagramm-Lehren zugrundeliegende Charakteranalyse verworfen und warnen ausdrücklich vor dem Gebrauch dieser esoterischen „Hilfsmittel“, die von verschiedenen Gruppen kostenlos auch im Internet angeboten werden.

In dem römischen Dokument heißt es: „Johannes Paul II. warnt vor der ‚Rückkehr der alten gnostischen Ideen unter der Maske des so genannten New Age: Wir dürfen uns nicht vormachen, dass dies zu einer Erneuerung der Religion führe. Es handelt sich nur um eine neue Form von praktiziertem Gnostizismus —jener Geisteshaltung, die, im Namen eines tiefgreifenden Wissens über Gott, zu einer Verzerrung seines Wortes führt und es durch rein menschliche Worte ersetzt. Der Gnostizismus hat den Bereich des Christentums nie völlig verlassen. Statt dessen hat er immer Seite an Seite mit dem Christentum bestanden, manchmal in Gestalt einer philosophischen Bewegung, häufiger aber, indem er den Charakter einer Religion oder Scheinreligion annahm, die in dezidiertem oder gar erklärtem Widerspruch zu allem steht, was zum Wesen des Christlichen gehört‘ (Johannes Paul II.: Crossing the Threshold of Hope, 1994, S. 90). Ein Beispiel dafür ist das Enneagramm mit seinen neun Typen zur Charakteranalyse, das, wenn es als Mittel zum geistlichen Wachstum gebraucht wird, eine Vieldeutigkeit in Lehre und Leben des christlichen Glaubens zur Folge hat.

In Publikationen spanischer Jesuiten wird diese esoterische Enneagramm-Lehre zur Persönlichkeitsentwicklung verworfen. Wenig kümmert das alles den katalanischen Jesuiten Lluís Iriberri, der seine Enneagramm-Lehre in einem Atemzug mit den berühmten Exerzitien seines Ordensgründers, des heiligen Ignatius von Loyola nennt. Doch mit diesen hat die esoterische Lehre Gurdjieffs so viel zu tun wie die übrigens zur selben Zeit entstandene völkisch-esoterische Lehre eines Jörg Lanz von Liebenfels mit dem Christentum.
[...]


Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass es sich doch lediglich um ein Symbol zur Betrachtung handle, wie beispielsweise bei der Vision des Handelns Gottes von Bruder Klaus oder um eine Betrachtungshilfe wie die "Logische Maschine" des 1857 seliggesprochenen franziskanischen Gelehrten Raimundus Lullus

Trotzdem darf man sich fragen, warum ganze Gesellschaften gerade zur Pflege und Auslegung dieses einen Symbols eingerichtet werden. Bei der Vision von Bruder Klaus handelt es sich um eine Schauung, die zwar vom Lehramt der Kirche empfohlen wird (solange die Grenzen dieser Vision beachtet werden, bei der es sich um keine vollständig umfassende Darstellung des göttlichen Lebens handelt), aber nicht zum Glaubensgut und Glaubensheil verpflichtend ist. Bei der "Maschine" des Raimundus Lullus handelt es sich um eine Denkhilfe, die lediglich eine Richtung zur Argumentation bzw. Schlussfolgerung oder deren weitere Überprüfung darstellt. Diese baut auf logische Kriterien auf, die aber ebenfalls das Denken nicht umfassend darstellen und damit trotz ihrer häufigen Rezitation nicht als unfehlbar gelten können.

Das Enneagramm läuft dagegen in Gefahr, zu einer Art Ouija für Charakterzüge zu mutieren. Zugegeben, an Nikolaus von Flüe wurde bisweilen auch schon ordentlich "psychologisch" und esoterisch herumgepfuscht, dennoch blieb sine Vision als "Erfahrungssymbol" erhalten, nicht als Mehrfachwerkzeug zur Persönlichkeitsdeutung, die letztendlich auch zu einer Lebensdeutung hinauslaufen kann, die das vermeidliche Werkzeug Christi zu einem neuen Lebensquell macht, das einen sehr schnell den eigentlichen Herrn im Hause vergessen lässt. 
Dazu kommt vor allem nach Meinung des Religionspsychologen Bernhard Grom die Gefahr, dass man sich durch vorgegebene Charaktere in Fehl- oder Engdeutungen festfährt. Außerdem liegen keine reflexiven Möglichkeiten vor, diese Fehldeutungen zu erkennen. Bestenfalls handle es sich dabei um eine "naive alltagspsychologische Typendeutung" - anders wird es problematisch. Auch sollte man sich fragen, warum man sich psychologisch und vom Blickpunkt der Gewissenserforschung nur auf neun Typen beschränken bzw. nur in diesem Rahmen denken sollte. So gesehen könnten auch die banalsten Persönlichkeitstest in Teenie-Magazinen ebenso gut für einen Beichtspiegel herhalten - natürlich im Rahmen des kirchlichen Lebens und nur partiell, niemals umfassend, wie die Autoren dieser "Tests" ebenfalls gerne vormachen. Es handelt sich genauer betrachtet, wie der Psychologe Colin Goldner darlegt, um eine "Partyunterhaltung mit keinerlei Erkenntniswert".

Warum das Enneagramm trotzdem einen so populären Ruf auch in kirchlichen Kreisen genießt trotz der Warnung aus Rom, dürfte daher schwer zu verstehen sein. Dazu würden neben der sperrigen Salonpsychologie einiger "Experten" auch zusätzlich die Gefahr hinzukommen, sich auf den gut gemeinten christlichen Weg der Esoterik (was meist als vollkommenste Neutralität vorgegeben wird, weil sich niemand so richtig mit den daraus resultierenden Ergebnissen beschäftigen will) schnell in eine böse Überraschung zu begeben.

Was man tun kann, wenn ein Freund oder ein Bekannter sich damit näher auseinandersetzen oder tiefer einsteigen will?
Am besten ihn oder sie über die Grenzen aufklären, vielleicht auch echte Betrachtungen und Exerzitien empfehlen oder einfach mit einem oder mehreren (auch nebensächlichen) Gesprächen von einer näheren Beschäftigung abbringen, vor allem wenn man merkt, dass es keine Spielerei mehr, sondern eine ernsthaftere Sache ist.


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