Samstag, 24. September 2016

5 Jahre nach Freiburg...



5 Jahre ist es schon her, dass der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI. Freiburg im Breisgau - übrigens meine Heimatdiözese - besucht hat. Auch die Auslauffläche neben dem Freiburger Flughafen, auf dem damals die Messe und die Jugendvigil stattgefunden haben, wird bald nicht mehr sein - weil dort ein neues Fußballstadion für den SC Freiburg gebaut werden wird.

Neben den berühmten Papstbänken und einem Relief in Freiburger Münster - so die Badischen Neuesten Nachrichten von heute morgen - bleibe immerhin die anhaltende Bekanntheitsgrad für die Stadt, der medial durch dieses Großereignis enorm gestiegen sei (lassen wir an dieser Stelle mal aus, dass der Europapark in "Rust bei Freiburg" und die weltweit bekannte Schwarzwald-Romantik schon eher dafür sorgen...). Auffallenderweise hat sich an der damaligen Kritik am Papst beinahe gar nichts geändert.

[...] Kritik kommt von der Reforminitiative "Wir sind Kirche". Wie schon der Weltjugendtag 2005 in Köln und die Reise nach Bayern habe der Papstbesuch 2011 keine dauerhafte Wiederbelebung des Glaubens bewirkt. so Christian Weisner, Bundessprecher der Initiative. "was damals als Dialog-Reise angekündigt war, war dann doch eher eine Vortragsreise über die Herzen und Köpfe der Menschen hinweg." Der Papstbesuch habe spektakuläre Bilder gebracht. Eine Stärkung der Ökumene oder andere Reformen seien aber ausgeblieben. Entsprechende Wünsche habe der Papst in Deutschland völlig ignoriert.

"Beinahe" in dem Sinne, dass 5 Jahre vergangen sind und man scheinbar weitere Beweise für das seit über 40 Jahren gleichbleibende Dauermantra hat, die Kirche müsse umgehend reformiert werden. Natürlich im Sinne der Mitglieder von "Wir sind Kirche" ("... und ihr Nihiiiiiicht!", wie schon Herr Alipius ironisch anmerkte), deren Wünsche man wie oben erwähnt "völlig ignorierte".

Ökumene? Man könnte ja mehr auf die Protestanten zugehen (was das auch immer heißen soll), doch das würde Rom sicher nicht gefallen - aber das soll doch der Papst übernehmen, den wir ja eh immer mit überzogenen Vorwürfen überschütten, wenn er nicht brav pariert - auch wenn er weder unsere Wünsche kennt , noch nicht einmal weiß, dass er parieren soll. Orthodoxe? Die sitzen doch in Russland, dafür interessiert sich doch eh niemand.
Und die sind übrigens noch konservativer, also einfach ignorieren...

Zölibat? Abschaffen ist das Allheilmittel, das sogar den Klimawandel stoppen kann. Man könnte aber auch Jugendlichen in ihrer Berufung unterstützen, ein Leben ganz für Gott zu leben. Aber das stoppt nicht den Klimawandel. Und außerdem ist das uns zu kompliziert und unzeitgemäß (worüber wiederum andere, die rein gar nichts mit der Kirche am Hut haben, abstimmen).

Glauben? Glauben ist relativ. Wir glauben an einen Sandalenprediger aus dem Vorderen Orient, der uns einen Gott verkündigt hat, der uns stärkt und lieb hat (und der geschlechtergerecht "Vater und Mutter aller Menschen" ist). Den Rest kann man sich zusammenpflücken - außer natürlich, es passt dem "KirchenVOLK" nicht.

Daher dürfte es nicht verwundern, dass das neue Interview-Buch "Letzte Gepräche" mit Peter Seewald auf der Homepage von "Wir sind Kirche" (bitte Sicherheitsbrillen aufsetzten Augenkrebs-Gefahr!) völlig zerrissen wird.

Wobei immer übersehen wird, was gerade der von seinen eigenen Landsleuten geschmähte Papst geleistet hat.
In erster Linie ist der aufgeklärte Umgang mit dem Glauben zu nennen, der in ständiger Relation zur Vernunft stehen muss, da er Teil der einen Realität ist. Nach Paulus leben und bewegen wir uns in Gott, doch gibt es auch andere Dinge, die er zu unserem Nutzen mit hineingestellt hat, die Beziehung zur Welt und den Mitmenschen, womit Moral und sogar die alltägliche Philosophie miteinbezogen werden in dieses Leben, dass die Vorstufe zum ewigen Leben mit Gott sein wird und an dem sich dies alles entscheidet. In Predigt, Meditation und Gesprächen hat sich Benedikt immer wieder auf diese Betrachtung bezogen und damit auch Andersgläubige in seinen Bann gezogen. Von einer regelrechten Renaissance einer weltoffenen Theologie kann man an dieser Stelle sogar sprechen, auch kam es regelmäßig zu Konversionen. Dem eher kleinbürgelich-"gemeinschaftlichen" Kreis um "Wir sind Kirche" & Co. dürfte das wohl viel zu schnell entgangen sein.

Was ebenfalls zu einer regelrechten kollektiven Schnappatmung beim Thema "Entweltlichung" führte. Wenn man alles auf eine immanente Gemeinschaft und deren Wünsche reduziert, dürfte das beim Thema Kirche leicht verständlich sein. Bemerkungen wie dass dadurch die Fürsorge und Pflege von Armen und Menschen in finanzieller Notlage vernachlässigt werde oder gar ein Abgleiten in einen von der Welt und der Rationalität losgelösten Fundamentalismus drohe, so etwas kam gerade von Personen, die zuvor immer wieder die finanziellen Verstrickungen der Kirche - gerade in Deutschland - kritisierten und dies noch weiterhin tun. Wahrscheinlich weil der Gedanke, man sei mit dem "Panzerkardinal" schon immer einer Meinung gewesen, ein zu großer Kulturschock gewesen wäre - und man dadurch ein unersetzbares Kritikobjekt für immer verloren hätte.

Was eigentlich sehr verwunderlich ist. Ein Großteil derer, die aus der Kirche austreten, verweisen auf die Kirchensteuer und dass sie das Geld auch anders und besser einsetzen könnten. Bei der Kirchensteuer ebenfalls signifikant ist die automatische Exkommunikation bei der Weigerung, sie nicht zu zahlen. Ein völlig absurder und gegen die gemeinschaftliche Nächstenliebe innerhalb der Kirche, die Benedikt schon seit Jahren kritisiert und auch in den "Letzten Gesprächen" als regelrechte "Gewerkschaftsmentalität" bezeichnet. Dass sie trotz steigender Kirchenaustritte auf Rekordniveau befinden macht diese Sache sogar noch perverser. Irgendwelches Lob oder Unterstützung von der kritischen Seite? Nein.
Die meisten, die mit der Kirche eigentlich nichts am Hut haben und denen ich das erkläre fallen immer noch völlig überrascht aus allen Wolken (womit auch eine rationale Diskussion über Kirche und Glaube anfängt, was jedoch eine ganz andere Geschichte ist...).

Diese Apathie, wenngleich auch ohne Aggressivität, ist leider nicht nur bei Protestgruppen wie "Wir sind Kirche" zu finden. Schon Paolo Rodari hat in seinem Buch "Der Papst im Gegenwind" dem kirchlichen Apparat, mit dem Joseph Ratzinger seit seiner Papstwahl zu tun hatte, regelmäßiges systematisches Versagen vorgeworfen. Sei es dass es zu Zwischenfällen wie der "Williamson-Affäre" kam, die auf reiner Schlamperei beruht oder zu absichtlichen Handlungen bzw. Unterlassungen, die man als regelrechtes "Spiel im Schatten" bezeichnen kann. Beim Missbrauchsskandal bestand diese darin, die generelle Schuld dem Papst als kirchliche Autorität zuzuschieben, wenn die Aufsichts- und Handlungspflicht eigentlich bei jemand anderem gelegen hätte. Dass Benedikt die "Null Toleranz-Regelung" weiterführte, die er 2001 schon als Kardinal unter dem Eindruck der damaligen Missbrauchsskandale einführte und hart durchsetzte - na ja, interessiert irgendwie die wenigsten. Auch die Marxsche Kritik an der "Hofhaltung Benedikts" dürfte nicht mehr wundern - bürgerlicher menschlicher Kardinal gegen elitär verschlossenen Vatikan. Man erinnere sich an die rührseligen Romane nach dem Muster "Tugendhafter aufgeklärter Bürger gegen dekadenten unterdrückerischen Adeligen" aus der Aufklärungszeit (hust hust - Emilia Galotti) - mit dem Hintergedanken, dass die Bürger letztlich auch nicht viel besser waren und letztendlich dadurch nur unterscheidbar sind, dass sie sich als erste aufregten, um sich von ihnen öffentlich zu distanzieren und als "die Guten" durchzugehen.

Beim Freiburgbesuch des Papstes war ähnliches zu beobachten. Neben dem schon bekannten Ignorieren der Reformforderungen Benedikts nach Entweltlichung wäre da auch das Zulassen von öffentlich-medialen innerkirchlichen Protesten scheinbar ohne jegliche Kontrolle bzw. Diskussion zu nennen, die eigentlich zu der Pflichten der diözesanen Jugendpastoral gehören. Der BDKJ hat vor einem weltweiten Publikum den Papstbesuch (und damit auch die darauf folgende Liturgie) ausgenutzt, um demonstrativen Druck auszuüben. Aus der zuständigen Abteilung des Erzbistums kam keinerlei Distanzierung - sogar das Gegenteil war der Fall. Man lese dazu die beiden obig verlinkten Artikel von P. Engelbert Recktenwald FSSP, der die damalige Situation vor Ort miterlebt hat und zurecht auf einen Everything goes-Zustand hinweist, der in den deutschen Diözesen inzwischen Gang und Gäbe ist und sich als Normalzustand immer mehr in das Leben der Kirche einzufressen droht. Dass sich dabei auch totalitäre Ansichten einschleichen können, macht auch die unhinterfragte Unterstützung der Amadeu-Antonio-Stiftung durch den BDKJ deutlich (danke ebenfalls an P. Recktenwald für das Teilen des Artikels auf Facebook).

Man könnte angesichts dieser Entwicklungen in Pessimismus verfallen, wenn das Schicksal der Kirche alleine von diversen Verbänden und ihren Einflüssen abhängen würde. Einerseits ja, wenn man bedenkt, dass diese immer mehr erfolgreich propagandistische Unterstützung von den Medien erhalten, für die solche Berichte ein regelrechtes Fressen sind und sich ebenfalls als Reformer ansehen dürfen.
Andererseits nein. Das Schicksal der Kirche hängt vom Herrn ab, und genau das ist es, worauf Benedikt in seiner Rede hinwies. Die Welt hat zwar Einflüsse auf die Kirche, da sie sich in der Welt befindet, doch zugleich kann sie sich von der Welt und ihrer inneren Logik von Einfluss und Dominanz des Diskurses befreien - alleine dadurch, weil sie Eigentum des Herrn ist.

Wenn man etwa Christus nur noch als "Jesus, der Menschenfreund aus Galiläa", aber nicht mehr als zweite Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ansieht - und damit als Herrn und Schöpfer der sichtbaren wie der unsichtbaren Welt - wird auch schnell die Angst der Welt deutlich. Man sieht einen großen Menschen und ein großes Werk - man sieht aber auch zugleich andere große Menschen und die Reiche, die sie gegründet haben und nun zerbrochen im Staub liegen. Wer in der Kirche nur ein weltliches Ding sieht, das um jeden Preis - sei es Einfluss oder jegliche gesellschaftliche Akzeptanz, um ein weiteres Überleben zu sichern - erhalten werden muss... Ja, für den dürfte die Forderungen des Papstes aus Bayern schwer verträglich bis völlig unverständlich sein. Wer aber an die Verheißung des Herrn glaubt, dass nicht einmal die Pforten der Hölle (und das ist definitiv schlimmer als die öffentliche Statistik über die Kirchenaustritte) sie überwinden werde, der findet darin nicht nur das Herz des Papstes, sondern das der ganzen Weltkirche, das was wir katholisch nennen und das bezeichnet, was der Herr in unsere Herzen eingegossen hat, bis es eines Tages für immer ruhen wird bei Ihm (Augustinus).


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