Mittwoch, 17. Januar 2018

50 Jahre 68er: "An der Uni waren wir umringt von Neandertalern"




Zum sicher wieder mal bald einsetzenden Hype um die "liberalen und die Gesellschaft befreienden 68er" sei dieses Interview der ZEIT mit dem Schriftsteller Maxim Biller empfohlen:


Biller: [...] Auf dem Hamburger Gymnasium, das ich mit 15 besuchte, war klar, dass man links zu sein hatte. Alle Schüler waren wahnsinnig hässlich angezogen, alle sahen wahnsinnig hässlich aus. Die Lehrer waren übrigens genauso dogmatisch wie die Schüler. Ich habe erlebt, wie einer dieser Lehrer, die damals unter den Radikalen-Erlass fielen, von Polizisten aus der Klasse getragen wurde.

ZEIT: Das war wahrscheinlich ein Schock für Sie.

Biller: Ein Schock? Ich habe mich darüber gefreut! Der Lehrer hatte versucht, in seinem Unterricht übelste Schulungen zu machen. Wir sollten im Sozialkunde-Unterricht Vietcong-Materialien lesen. Warum nicht gleich ein KGB-Lehrbuch? Viele der anderen Schüler scharten sich solidarisch um diesen Lehrer, als die Polizei auftauchte, aber ich fand’s super. Vor solchen Dogmatikern waren wir doch aus der Tschechoslowakei geflohen. [...]

ZEIT: Ist es nicht so, dass das Autoritäre in der westdeutschen Gesellschaft vor 1968 ungleich schlimmer war und dass 1968 zu einer Überwindung autoritärer Verhaltensmuster in vielen Bereichen geführt hat?

Biller: Die 68er, mit denen ich zu tun hatte, waren absurd autoritär. Ich habe bei sogenannten Konservativen viel mehr Liberalismus erlebt. Bayern gilt ja als autoritär, das ist Blödsinn. Es geht dort viel anarchischer und liberaler zu als in all diesen spießigen Städten wie Hamburg. Das Autoritäre, gegen das die 68er gekämpft hatten, kehrte bereits in den Siebzigern zurück. Heute ist nicht mehr der einzelne Professor autoritär, nicht der einzelne Chefredakteur. Heute ist es gewissermaßen jeder, weil jeder auf jeden aufpasst. Das meine ich, wenn ich von den Glaubenssätzen des Mitte-links-Bürgertums spreche. [...]


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